Fotoprojekt - "Wir sind noch da" - wie es entstanden ist
Das Fotoprojekt „Wir sind noch da“ ist aus einer ganz persönlichen Idee entstanden:
Vor zwei Jahren habe ich meine Oma bei mir im Studio fotografiert. Dabei sind Portraits entstanden, die mir damals schon viel bedeutet haben – heute aber noch viel mehr. Nur etwa ein halbes Jahr später ging es ihr körperlich plötzlich sehr schlecht und auch ihre Demenz wurde deutlich stärker. Ich bin deshalb unglaublich froh, dass wir diese Fotos gemacht haben und ich diese Bilder von ihr habe.
Gleichzeitig höre ich gerade von älteren Frauen immer wieder Sätze wie: „Ach, von mir brauchst eh kein Foto mehr machen. Ich bin ja eh nimmer schön.“
Und irgendwann habe ich mich gefragt:
Warum eigentlich?
Warum glauben so viele Frauen, dass es sich ab einem gewissen Alter nicht mehr lohnt, fotografiert zu werden?
Genau daraus entstand im April 2025 die erste Idee zu „Wir sind noch da“.
Von einer Idee zu einem gemeinsamen Projekt
Die Idee fand ich gut. Nur hatte sie einen kleinen Haken: Woher bekomme ich die Frauen, die sich dafür tatsächlich fotografieren lassen möchten?
Bei einem Shooting traf ich Bärbel Klepp wieder, die ursprünglich als Kundin zu mir gekommen war, und erzählte ihr von meiner Idee. Kurz darauf rief sie mich an und sagte mir, dass sie das Projekt unbedingt gemeinsam mit mir umsetzen möchte.
Mir war von Anfang an wichtig, nicht einfach nur Portraits zu machen, sondern auch etwas über die Frauen und ihr Leben zu erfahren. Gleichzeitig wusste ich, dass ich bei ausführlicher Biografiearbeit ziemlich schnell an meine Grenzen kommen würde. Bärbel bringt als psychosoziale Case Managerin genau diese Erfahrung mit und so entstand die Aufteilung, die für das Projekt perfekt gepasst hat: Ich fotografiere die Frauen, Bärbel führt die ausführlichen Gespräche mit ihnen und schreibt anschließend ihre Lebensgeschichten auf.
Im Dezember 2025 haben wir schließlich mit den ersten Shootings bei den Barmherzigen Brüdern in Kritzendorf begonnen.
32 Frauen vor meiner Kamera
Am Ende haben 32 Frauen bei unserem Projekt mitgemacht. Das klingt jetzt vielleicht nach sehr vielen, tatsächlich war es aber gar nicht so einfach, überhaupt Frauen zu finden, die sich fotografieren lassen wollten. Wir hätten gerne noch deutlich mehr Portraits gemacht, aber viele wollten schlicht nicht vor die Kamera.
Die Frauen, die mitgemacht haben, waren dafür teilweise richtig aufgeregt. Manche waren extra beim Friseur, hatten sich geschminkt oder etwas Besonderes angezogen.
Für mich waren die Shootings durchaus anders als meine üblichen Portraitshootings. Manche der Frauen waren bereits dement, andere haben mich nicht gut gehört und bei einigen war schon das Sitzen oder der Weg zum vorgesehenen Platz eine Herausforderung. Es hat mich manchmal fast ein bisschen an die Kindergartenfotografie erinnert – natürlich auf eine völlig andere Art. Man braucht einfach mehr Zeit, Geduld und muss sich darauf einstellen, was gerade möglich ist. Für das eigentliche Portrait habe ich dann meistens nur etwa zehn bis fünfzehn Minuten gebraucht.
Mein Ziel waren klassische Charakterportraits, auf denen man die Frauen so sieht, wie sie heute sind. Natürlich habe ich die Bilder wie jedes meiner Portraits bearbeitet, aber Falten sollten dabei nicht verschwinden und niemand sollte plötzlich zehn Jahre jünger aussehen.
Die Geschichten haben meinen Blick auf die Portraits verändert
Während meine Arbeit mit den Frauen relativ kurz war, hat Bärbel sich für ihre Gespräche sehr viel Zeit genommen. Sie hat mit jeder Frau mindestens eine Stunde gesprochen und anschließend aus diesen Interviews ihre Lebensgeschichte geschrieben. Dabei haben manche Frauen Dinge erzählt, die sie vorher noch niemandem anvertraut hatten.
Als ich später die fertigen Texte gelesen habe, habe ich auch meine Portraits noch einmal anders betrachtet. Wenn man die Geschichte einer Frau kennt, sieht man manches in ihrem Gesicht plötzlich anders. Vielleicht versteht man einen ernsten oder grimmigen Blick besser. Oder man weiß, was hinter dem Lachen einer anderen Frau steckt.
Und genau da habe ich auch erst richtig gemerkt, wie viel größer das Projekt durch Bärbels Arbeit geworden ist. Die Portraits zeigen die Frauen heute, die Texte erzählen, was sie in all den Jahrzehnten davor erlebt haben.
Nicht jede Frau fand ihr Foto schön
Auch das gehört dazu. Die Reaktionen der Frauen auf ihre Portraits waren sehr unterschiedlich. Manche haben sich sehr darüber gefreut, andere fanden sich darauf gar nicht schön.
Das überrascht mich ehrlich gesagt nicht besonders. Diesen kritischen Blick auf uns selbst kenne ich schließlich nicht erst mit 70, 80 oder 90.
Nur war „schön“ bei diesen Bildern auch gar nicht mein oberstes Ziel. Ich wollte keine Beauty-Portraits fotografieren und die Frauen auch nicht jünger aussehen lassen. Ich wollte Portraits machen, die etwas von der jeweiligen Person zeigen.
Und vielleicht schauen wir selbst auch noch einmal anders auf ein Gesicht, wenn wir nicht nur das Alter und die Falten sehen, sondern ein bisschen mehr darüber wissen, wer dieser Mensch ist und was er erlebt hat.
Die Ausstellung – und ein Moment, mit dem ich nicht gerechnet hatte
Als unsere Ausstellung im September eröffnet wurde, war das Projekt für mich fotografisch eigentlich schon länger abgeschlossen. Deshalb war der Moment, meine Bilder groß an der Wand hängen zu sehen, für mich ehrlich gesagt gar nicht so emotional, wie man vielleicht erwarten würde.
Was mich dagegen wirklich überrascht hat, war, wie viele Menschen zur Eröffnung gekommen sind. Der Saal war voll – damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet.
Und richtig emotional wurde es für mich dann nach Bärbels Lesung. Wir haben den teilnehmenden Frauen ihre Portraits in einer Mappe überreicht und ihnen Blumen geschenkt. Zu sehen, wie sehr sie sich darüber gefreut haben und wie viel Dankbarkeit da zurückkam, hat mich wirklich extrem gerührt.
Gerade wenn man bedenkt, wie skeptisch manche zu Beginn waren und wie schwierig es überhaupt gewesen war, Frauen für das Projekt zu gewinnen. Einige hatten Bärbel sehr persönliche Dinge aus ihrem Leben erzählt, manche sogar Dinge, über die sie vorher noch nie gesprochen hatten. Und an diesem Abend standen ihre Portraits und ihre Geschichten im Mittelpunkt. Ich hatte bei einigen wirklich das Gefühl, dass es für sie etwas ganz Besonderes und vielleicht sogar eine kleine Ehre war, Teil dieses Projekts zu sein.
Das war wahrscheinlich der Moment, in dem ich selbst am stärksten gespürt habe, was „Wir sind noch da“ für die Frauen bedeutet hat.
Und was ich aus dem Projekt mitnehme
Ich glaube, dass ich ältere Menschen seit diesem Projekt noch einmal ein bisschen bewusster wahrnehme. Wenn man jemanden nur kurz sieht, sieht man vielleicht eine alte Frau mit einem ernsten Gesicht. Wenn man ihre Geschichte kennt, weiß man plötzlich, was sie erlebt hat, welche Entscheidungen sie getroffen hat, welche Menschen sie verloren hat, worüber sie heute noch lachen kann und warum manches vielleicht seine Spuren hinterlassen hat.
Und ich würde mir wünschen, dass wir auch diesen Gedanken an unsere Mamas und Omas weitergeben: Lasst euch fotografieren! Nicht erst überlegen, ob man noch jung genug, schön genug oder fotogen genug dafür ist. Und sich bitte nicht vor der Kamera verstecken, nur weil ein paar Falten dazugekommen sind und man nicht mehr ausschaut wie Heidi Klum.
Ich bin heute jedenfalls wahnsinnig froh, dass ich die Portraits meiner Oma gemacht habe. Gerade weil sich danach so viel verändert hat, bedeuten sie mir heute noch viel mehr als damals.
Und irgendwann sind schließlich wir selbst die alten Frauen.
Mit der Ausstellung ist das Projekt aber noch nicht abgeschlossen. Unser Wunsch ist, aus den 32 Portraits und Lebensgeschichten auch ein Buch zu machen und die Frauen und ihre Geschichten damit über die Ausstellung hinaus sichtbar zu machen.
Und zum Schluss noch ein ganz persönliches Danke an meine beste Freundin, Kollegin und meinen Lieblingsmenschen auf der ganzen weiten Welt: Anna Cordes. Sie hat mich bei diesem Projekt nicht nur mental unterstützt, sondern mir auch bei der finalen Ausarbeitung der Bilder unglaublich geholfen.













